Ich bin 1985 in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Meine Eltern flohen 1983 vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka. Religiosität ist tief in der tamilischen Kultur verankert. Laut einer älteren Studie der Universität Luzern gehören rund 80–85 % der in der Schweiz lebenden Tamilinnen und Tamilen hinduistischen Traditionen an (NFP58 Schlussbericht, 2011). Götter zu verehren liegt uns quasi im Blut.
So sehr, dass meine Eltern anfangs Kirchen besuchten. Zuhause hatten wir Altäre mit Bildern und Statuen von hinduistischen Göttinnen und Göttern. Eigene Hindu-Tempel gab es damals noch keine.
Erste Rituale, erste Fragen
In den 90ern änderte sich das. Ein Ganesha-Tempel wurde in unserer Nähe eröffnet. Wir fuhren freitags regelmässig dorthin – je eine Stunde hin und zurück. Manchmal reisten wir sogar bis nach Olten zum Ambal-Tempel, der der Göttin gewidmet ist. Die insgesamt drei Stunden Fahrt machten meinen Eltern nichts aus.
Meine Schwester und ich waren immer dabei. Wir hatten keine Wahl – aber wir bockten selten. Ich tat mich oft schwer mit den vielen Ritualen. Sie aufmerksam und fromm durchzustehen, fiel mir nicht leicht. Auf der Rückfahrt schlief ich meistens. Und doch: Es war ein schönes gemeinsames Erlebnis zu viert.
Regelmässig fuhren wir auch nach Mariastein bei Basel. Wenn ich davon erzähle, erwähne ich immer unser kleines Ritual: Nach dem Kirchenbesuch gab’s Schnitzel mit Pommes im nahegelegenen Restaurant.
Krishna taucht auf
Je älter ich wurde, desto mehr stellte ich Fragen über Gott und die Welt. Ich begann, die hinduistischen Rituale zu hinterfragen – leider erhielt ich kaum für mich zufriedenstellende Antworten. Traditionen wurden überliefert, aber selten erklärt. Ich wollte mehr wissen.
Unser Onkel erzählte uns von einem Krishna-Tempel in Zürich. Er lud uns ein, mitzukommen. Mein erster Besuch ist nur vage in Erinnerung geblieben – aber zwei Dinge machten Eindruck: die Musik und das vegetarische Essen. Es dauerte dennoch Jahre, bis ich sagen konnte: Für mich ist es Krishna.
Flucht nach vorn – die Reise nach England
Viele Jahre funktionierte ich nur. Ich war Sohn, Bruder, Freund, Student, Fussballer – aber keine dieser Rollen erfüllte mich wirklich. Mein Leben fühlte sich an wie ein schlichter Donut: rund, ordentlich, aber mit einem Loch in der Mitte – und ohne Füllung. Ich sehnte mich nach etwas, das nicht nur Form hatte, sondern auch Inhalt. Vielleicht wie ein Berliner: ohne Loch, aber mit süsser Konfi im Inneren. Oder wie ein frisch gebackener Scone – mit Clotted Cream und Marmelade.
Ein Erlebnis in England wurde mit 26 Jahren schliesslich zu meinem Tief- und Wendepunkt. Mein persönliches Erweckungserlebnis. Mein persönliches Zeugnis.
Mein Englisch war ausbaufähig. Ein Freund wollte in die USA, ich hatte keinen Plan. Eines Abends sah ich mir Prospekte von Sprachschulen an. Die Orte. Die Namen. Plötzlich machte es bei einem Foto Klick: Da will ich hin – nach Cambridge.
Die Entscheidung, (alleine) nach England zu gehen, hatte weitreichende Folgen. Zum ersten Mal wurde mir klar: Ein goldenes Gefängnis ist immer noch ein Gefängnis. Glück beginnt im Kopf – nicht im Aussen.
Die Begegnung im Supermarkt
Die ersten Tage in England verbrachte ich recht zufriedenstellend. Die neue Umgebung und die neuen Menschen verdrängten meine gelegentliche Niedergeschlagenheit und Dumpfheit. Je länger der Aufenthalt dauerte, desto verzweifelter wurde ich wieder. Das Gedankenkarrussell drehte sich schneller und schneller. Und eines Morgens geschah es: Ich schrie innerlich um Hilfe. Nicht laut – nur für mich. Aber jemand hörte zu.
Ich verbrachte meinen Tag wie immer. Schule, Essen, Schule. Abends ging ich einkaufen. Zwischen den Essensregalen lag ein dünnes Büchlein. Ich nahm es in die Hand – plötzlich wurde alles still. Es war, als würde Licht in mir aufgehen. Ich verspürte Freude, Leichtigkeit. Ich schwebte grinsend aus dem Laden. Ja, ohne zu bezahlen.
Draussen las ich den Titel, nochmals, in aller Ruhe: Rāja-Vidyā – The King of Knowledge von A. C. Bhaktivedanta Prabhupāda.
Und die erste Zeile:
The Supreme Lord (Krishna) said: My dear Arjuna, because you are never envious of Me, I shall impart to you this most secret wisdom, knowing which you shall be relieved of the miseries of material existence.
Die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach: Mein lieber Arjuna, weil du Mich niemals beneidest, werde Ich dir dieses vertraulichste Wissen und dessen Verwirklichung offenbaren, und durch dieses Verständnis wirst du von den Leiden des materiellen Daseins befreit werden.
(Bhagavad-Gītā 9.1)
Antworten, endlich
Ich hatte so viele Fragen – und bekam endlich Antworten. Durch Krishna höchstpersönlich. In den folgenden Jahren dann auch von zahlreichen Devotees, die mir persönlich, via YouTube oder via Bücher erklärten, was ich wissen wollte.
Englisch wurde entscheidend, weil viele Schriften nicht auf Deutsch verfügbar waren. Und Cambridge – mit seinem symbolträchtigen King’s College – wurde für mich zum Toröffner: zum King of Knowledge.
Dank Krishna weiss ich, wer ich bin. Wer Gott ist. Was der Sinn meines Lebens ist. Und dass ich glücklich sein kann.
S. D. G.