Soli Deo Gloria – Gott Allein die Ehre

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Sprechen wir den Elefanten im Raum an: Bin ich in einer Sekte? 

Die Antwort wird sie überraschen. Fangen wir von vorn an. 

Was ist eine Sekte? Das Wort Sekte stammt vom lateinischen secta ab, was so viel bedeutet wie Schule, Richtung oder Lebensweg. Es geht zurück auf das Verb sequi – folgen. Ursprünglich war eine Sekte also einfach eine Lehrschule, eine Gruppe von Menschen, die einem bestimmten Lehrer oder einer bestimmten Philosophie folgte.  

In der Antike war das Wort völlig neutral: Man sprach von der stoischen Sekte, der platonischen Sekte oder der epikureischen Sekte. Im Hinduismus kennen wir den Shaivismus oder den Vaishnavismus, im Islam kann man zwischen Sunniten, Schiiten und Sufis unterscheiden, im Christentum zwischen Katholiken und Protestanten.  

Eigenschaften einer Sekte 

Nach der Reformation bekam der Begriff einen negativen Klang. Wer sich von der Mehrheitskirche abwandte, wurde zur «Sekte» erklärt – zum Aussenseiter, zum Gefährlichen. So verwandelte sich ein neutrales Wort in ein Misstrauenslabel. 

Auch heute denken viele beim Wort «Sekte» sofort an Manipulation, Gehirnwäsche oder Abhängigkeit. Doch nicht jede religiöse Minderheit ist gefährlich. Manche Gemeinschaften sind einfach anders – intensiv, diszipliniert, nicht «Mainstream». 

Trotzdem gibt es Warnsignale, auf die man achten sollte. Gemäss der unabhängigen Plattform inforel kann man sich an folgenden Fragen orientieren: 

1. Absolute Wahrheit? 

Behauptet die Gruppe, nur sie allein besitze den wahren Weg zu Gott – und alle anderen seien verloren oder böse? 
→ Warnsignal: Wenn kein Raum für individuelle Erfahrung, Zweifel oder Vielfalt bleibt. 

2. Angst und Schuld 

Wird mit Drohungen, Schuldgefühlen oder Weltuntergang gearbeitet, um Menschen zu kontrollieren? 
→ Warnsignal: Spirituelle Praxis sollte auf Liebe, nicht auf Angst beruhen. 

3. Kontrolle und Abhängigkeit 

Wird das Denken, Verhalten oder der Alltag stark überwacht? Wird der Ausstieg erschwert? 
→ Warnsignal: Wahre Religion stärkt die Eigenverantwortung, nicht die Abhängigkeit. 

4. Geld, Macht und Missbrauch 

Gibt es finanzielle Ausbeutung, Machtmissbrauch oder gar Übergriffe, die vertuscht werden? 
→ Warnsignal: Spirituelle Lehrer sollen dienen, nicht herrschen. 

5. Abschottung von der Welt 

Wird der Kontakt zur Familie, zu Freunden oder zur Gesellschaft entmutigt oder verboten? 
→ Warnsignal: Eine gesunde Gemeinschaft steht in der Welt, nicht gegen sie. 

Ist die ISKCON eine Sekte 

Ich gehe oft in den Zürcher Krishna-Tempel. Der Tempel gehört zur International Society for Krishna Consciousness (ISKCON), der Hare-Krishna-Bewegung. ISKCON wurde 1966 von Abhay Charan Bhaktivedanta Swami Prabhupada gegründet und gehört zur Gaudiya-Vaisnava-Tradition.  

Manche nennen ISKCON «Sekte» – im ursprünglichen Sinne ist das korrekt: Es ist eine religiöse Schule mit eigener Lehre und Praxis. Die wichtige Frage ist aber: Ist ISKCON eine gefährliche oder manipulative Gemeinschaft? Die Antwort nach einem kurzen Check lautet: Nein. 

Kriterium ISKCON-Praxis Bewertung 
1. Absolute Wahrheit? ISKCON lehrt Bhakti-Yoga nach der Bhagavad Gita – ein Weg zu Krishna. Sie respektiert aber auch andere Religionen als Wege zu Gott. ✅ Offen für andere Pfade 
2. Angst und Schuld? Keine Drohung mit Verdammnis. Der Fokus liegt auf Liebe zu Gott (Krishna) und Selbstreinigung durch Chanting. ✅ Motivation durch Liebe 
3. Kontrolle und Abhängigkeit? Freiwillige Teilnahme; viele Mitglieder leben als Laien, arbeiten und haben Familien. ✅ Keine Zwangsbindung 
4. Geld und Macht? Tempel leben von Spenden, aber ohne erzwungene Abgaben. Finanzen sind meist transparent. ✅ Keine finanzielle Ausbeutung 
5. Abschottung von der Welt? ISKCON ist weltweit aktiv – Bildung, Musik, vegetarische Küche, Buchvertrieb, Festivals. ✅ Integriert, nicht isoliert 

Materialist vs. Verrückter 

Der Lebenssinn eines Krishna-Anhängers unterscheidet sich vom Lebenssinn eines Materialisten. Ein Materialist möchte das Leben auf der Erde geniessen und das Maximum an Sinnesfreuden herausholen. Ein Transzendentalist hingegen möchte einfach leben, über das richtige Leben nachdenken und schliesslich Krishna lieben und dienen. 

Für die Materialisten lebe ich fern der (materiellen) Realität. Ich bin Anti-Mainstream, Aussenseiter, Verrückter/Abnormaler. 

Die Wahrheit ist: Ich denke und glaube einfach anders. Und die Antwort auf die Frage, ob ich in einer Sekte bin, kann nur lauten: Jein. 

S. D. G.