Noch 90 Minuten sind auf der Uhr: Ich stehe auf und erledige routiniert meine Morgenübungen. Noch 45 Minuten: «Appa? Appaaa? Appaaaaa?» – Sita ist wach. Ich begrüsse sie und sage Mantren auf. Ich trage sie ins Bad. Das Gesicht wird gewaschen, die Zähne werden geputzt. Wir bringen Radha und Krishna ein Glas Wasser und eine Frucht dar. Wir bedanken uns für alles Mögliche.
Noch 40 Minuten: Raus aus dem Tempelraum, rein in die Küche. Ich nehme mir Zeit und mache eine faustgrosse Portion Haferflocken mit Milch und frischen Erdbeeren. Widerwillig platziere ich mich auf dem Sofa. Sita spielt in ihrer Küche und nimmt immer wieder einen kleinen Bissen vom Frühstück.
Noch 30 Minuten: Ich werde langsam kribbelig, bleibe aber geduldig. Sita weigert sich sonst, zu essen. Sie hat ihren eigenen Willen und möchte nicht drangsaliert werden. Sie möchte mitbestimmen. Phuuuu – wieso nicht.
Noch 20 Minuten: Wir reden miteinander und singen ein paar Lieder. Sita hat weiterhin Hunger, aber sie hat die Ruhe weg. Meine Geduld wird immer mehr auf die Probe gestellt. Ich rede mir ein, dass wir noch genügend Zeit haben.
Greife zu!
Rom. Vatikan. Sixtinische Kapelle. Ich erzähle meinen Eltern und Sita die Geschichte des weltberühmten Deckenfreskos von Michelangelo: Die Erschaffung Adams.
Gottvater erweckt mit seinem Zeigefinger Adam. Eine Kleinigkeit, die mir aufgefallen ist, und die durch ein YouTube-Video bestätigt wurde, ist die These, dass Gott seinen Zeigefinger ausstreckt, während Adams Finger noch leicht gebeugt bleibt. Diese beiden Gesten zeigen die unterschiedlichen Einstellungen der beiden Protagonisten:
Gott reicht uns die Hand, oder den Finger. Es liegt an uns, die Lücke zu schliessen und zuzugreifen.

Es sind nur noch wenige Löffel übrig. Ich strecke meine Hand Richtung Sita. Sie nimmt die letzten Bissen.
Noch 15 Minuten: Oh Schreck! Ich muss Sita noch frische Windeln anziehen und ihre Kleider richten.
Noch 7 Minuten: Ich bugsiere Sita in den Kinderwagen und gehe aus der Wohnung. Im Treppenhaus begrüssen wir hektisch unsere Nachbarn. Wir stürmen aus dem Haus. Draussen regnet es. Ich sprinte so schnell, wie meine 40-jährigen Beine mich tragen.
Noch 2 Minuten: Wir kommen an – durchnässt und ausser Puste. Ich ziehe Sita um. Sie packt ihre Znüni-Box und ihre Flasche Wasser aus, winkt und sagt: «Tschau, Appa.» – Ich sage: «Viel Spass in der Spielgruppe.»
S. D. G.