iele sind überrascht, wenn ich sage: «Ich bin spirituell und möchte Gott lieben und dienen.» Es ist nicht vorstellbar, dass ein 40-jähriger Migrant der 2. Generation, der in der Schweiz geboren und aufgewachsen ist, so konservativ denken kann und altbacken ist.
Ich frage mich: «Ist Gott tot?» Wenn man die Kirchenaustritte sieht und bei den Gesprächen Mäuschen spielt, dann ist die Antwort: Jein.
Der Gott, wie wir ihn im Religionsunterricht kennengelernt haben, wird hinterfragt. Die Übernatürlichkeit möchte man dennoch nicht ganz abstreiten. Gott wird ersetzt durch andere Konzepte wie das Universum, die Energie, die Engelwesen und so weiter. Der Glaube an etwas Höheres kennt viele Formen.
Aber der Atheismus wird immer populärer. Viele finden es gar nicht nötig, an einen Gott zu glauben. Ein männlicher Gott? Das ist Schnee von gestern. Oder häufiger denkt man: «Religion ist das Opium der Massen und gefährlich.» Es heisst, wir müssten uns unbedingt an die Wissenschaft halten.
Welch ein Unglück, finde ich.
Es gibt nach Swami Mukundananda drei grosse Geschenke. Das erste Geschenk, das wir erhalten, ist das Leben als Mensch. Als Mensch haben wir ein höheres Bewusstsein als Tiere oder Pflanzen. Wir haben die Möglichkeit, uns frei zu entscheiden, was wir glauben und denken wollen – und was nicht.
Ein Mensch kann täglich meditieren, singen oder über Gott lesen – Handlungen, die Tieren oder Pflanzen nicht möglich sind. In Swami Mukundanandas Vorträgen wird oft betont, dass wir diese Gelegenheit nutzen müssen, um unser Leben spirituell sinnvoll zu gestalten.
Das zweite Geschenk ist der Glaube an einen Gott. «An das Göttliche glauben die allein, die es selber sind», ist ein Zitat von Friedrich Hölderlin. Glücklich können wir uns schätzen, dass wir auf spiritueller Suche sind und die Liebe zu Gott als unsere erste Priorität wählen, trotz der zahlreichen Widerstände und Fallstricke.
Ein Mensch wählt täglich, sein Handeln und Denken auf Gott auszurichten, etwa durch das Rezitieren des Mahamantras, wie Swami Mukundananda es empfiehlt.
Das dritte Geschenk ist die Bekanntschaft mit einem bona fide Guru: einem Lehrmeister, der Gott kennt und liebt und den Gottsuchenden den Weg zurück nach Hause weist. Wichtig ist, dass er sich nicht zu wichtig nimmt, sondern immer Gott verherrlicht und sich als Diener Gottes vorstellt.
Swami Mukundananda beschreibt, dass ein Guru uns anleitet, die Schriften zu verstehen, uns motiviert zu Sadhana (spiritueller Praxis) und uns hilft, Stolz und Ego zu überwinden.
Meine persönliche Situation
Ich kann mich glücklich schätzen, in zweifacher Hinsicht gesegnet zu sein. Ich bin froh ein Mensch zu sein und den Glauben an Krishna zu haben. Einen Guru habe ich leider (noch) nicht. Ich schnappe gelegentlich etwas auf und verwende es für meine spirituellen Studien. Da ich keinen persönlichen physischen Mentor habe, der mir den Weg weist, irre ich manchmal umher und vergeude Zeit.
Aber ich versuche, so viel wie möglich mit Krishna in Kontakt zu treten, dem ultimativen Guru. Wie Krishna in der Bhagavad-Gita sagt:
«Ich weile im Herzen eines jeden Lebewesens, und aus Mir kommen Erinnerung, Wissen und Vergessen.» (Bhagavad-Gita 15.15)
Wir bekommen von Krishna das erforderliche Wissen. Darauf vertraue ich. Und ich hoffe, ich bin ein guter Schüler.
S. D. G.